Leseprobe: „Siggi und die Silberfrau“

Für alle Träumer auf dieser Welt

Nichts ist unmöglich,

wenn Ihr nur ganz fest daran glaubt.


Verzaubert

Es war einmal ein kleiner roter Apfel, der hing an einem wunderschönen Baum, in einem verträumten Städtchen, in einem Land fern von hier. Der kleine Apfel hieß Siegfried, doch all seine Freunde nannten ihn nur Siggi.

Siggi hing mit vielen anderen kleinen Äpfeln an diesem Baum. Lustige Gesellen waren das. Da gab es den neunmalklugen Sven, der links über ihm hing und immer alles besser wusste. Gleich daneben baumelte die ängstliche Luise, die schon bei einem Nieser zusammenzuckte. Etwas weiter unten hing die hübsche Lili, die Siggi besonders gern hatte. Daneben grummelte Horst den ganzen Tag vor sich hin. Emil, Antje und Eva hingen ebenfalls in seiner Nähe. Und auf der anderen Seite des Baumes gab es natürlich noch mehr Äpfel, aber mit denen hatte der kleine Apfel nicht so viel zu tun.

Die meisten von Siggis Freunden hatten nur Schabernack im Kopf, so wie der Apfel, der direkt über ihm hing. Paul hatte es faustdick hinter den Ohren. Oftmals quasselte er den ganzen Tag davon, wie schön es sei, ein Apfel zu sein, in diesem kleinen Städtchen zu wachsen und dem bunten Treiben auf der Promenade zuzusehen. Aber manchmal, wenn keiner den frechen Paul beobachtete, warf er den Leuten kleine Blätter und Äste auf den Kopf. Luise schimpfte dann mit ihm.

Siggi am Baum

Siggi sah sich an diesem Sommertag um. Er betrachtete die Leute, die zum Strand gingen. Ein Mann hatte eine Luftmatratze unter dem Arm, ein Mädchen mit Sommersprossen lief mit einem Eimer voller Sandspielzeug vorbei und eine ältere Dame trug einen orangefarbenen Sonnenhut auf dem Kopf. Paul hatte recht. Es war schön, an diesem Ort wachsen zu können.

An diesem Tag kam eine Frau in die Stadt, die Siggi noch nie zuvor gesehen hatte. Die Frau schob eine große Kiste vor sich her. Ganz anders als die vielen Familien, die jeden Morgen zum Strand zogen, blieb sie neben dem Apfelbaum stehen. Sie sah sich um, betrachtete die Sonne, blickte zur Krone des Baums herüber, und wenn sich der kleine Apfel nicht ganz doll täuschte, lächelte die Frau ihn dabei an.

Siggi sieht Frau zum ersten Mal

 

Die Frau packte ihre Kiste aus. Viele Sachen hatte sie darin verstaut: einen Hocker, einen großen Korb, einen Rock, eine Bluse, ein Paar Handschuhe und eine Weste. Es folgten eine Schürze, ein Kopftuch und ein kleines Schaf. Der Apfel betrachtete die Sachen. Komisch, dachte Siggi. Warum sind die Dinge alle so grau?

Siggi streckt seinen StilZum Schluss hob die Frau den letzten Gegenstand aus der Kiste. Der kleine Apfel streckte seinen Stiel, um einen besseren Blick darauf zu erhaschen. Ob diese Sache wohl auch grau ist, fragte sich Siggi. Zum Vorschein kam ein weiterer Korb. Er war zwar auch grau, doch dieses Grau war irgendwie anders. Viel spannender für Siggi war aber, dass der Korb nicht leer war. In ihm lagen Äpfel, wie Siggi einer war. Na ja, fast so wie er, musste der kleine Apfel eingestehen. Denn diese Äpfel funkelten in der Sonne. Sie waren silbern. Allesamt. „Wow“, flüsterte Siggi. Er war gespannt, was nun passieren würde.

Die Frau malte ihr Gesicht an. Silbern, so wie die Äpfel. Aber irgendwie glänzte die Frau bei Weitem nicht so schön wie seine silberfarbenen Artgenossen, dachte sich Siggi oben am Baum. Obwohl die Augen der Frau auch ein wenig funkelten, wenn er es sich recht überlegte. Aber was wusste er schon von den Augen der Menschen.

Er sah zu, wie die Frau die Bluse anzog, sich den Rock überstreifte, die Weste zuknotete, die Schürze umband und danach das Kopftuch zurechtrückte. Dann streifte sie sich ihre grauen Handschuhe über. Der Apfel erschrak. Wo war die Frau hin? Vor ihm hatte gerade noch ein Mensch mit funkelnden Augen gestanden. Nun war dieser Mensch verschwunden. Stattdessen stand eine silbergraue Figur vor ihm. Das war ihm unheimlich. Dann sah er jedoch in ihre Augen und entdeckte in ihnen dasselbe Funkeln. Allmählich verstand der Apfel. Dieses graue Etwas war die Frau. Sie hatte sich bloß verkleidet.

Nun kippte die Frau die Kiste auf die Seite, öffnete den Deckel und legte ihren Rucksack hinein. Siggi wollte Sven fragen, ob er wusste, was dort geschah, doch in diesem Moment verschwand die silberne Frau mit ihrem Oberkörper in die Box. Der kleine Apfel hörte es poltern und rascheln. Plötzlich erfüllte eine sanfte Harfenmusik den Platz. Die Frau tauchte wieder auf und schloss mit einem zufriedenen Lächeln den Deckel. Siggi sah zu, wie sie den Hocker und die Körbe auf der Kiste platzierte, das silbergraue Schaf unter den Schemel schob und einen Topf auf den Boden stellte. Zum Schluss stieg die Silberfrau mit einem großen Schritt schwungvoll auf die Kiste.

Siggi sieht Frau arbeiten

 

 

Dann geschah etwas Unglaubliches. Die Frau erstarrte. Sie bewegte sich nicht mehr. Der Apfel sah sich um. Niemand seiner Kollegen hatte sich das Schauspiel mit ihm angesehen. Ganz alleine betrachtete er ungläubig die Szene. Sie bewegte sich nicht. Atmete sie noch? Er wusste es nicht. Was sollte er tun? Musste er Hilfe holen? Aber wie konnte er, er war doch nur ein kleiner Apfel, der hoch oben an einem Apfelbaum hing. Angst stieg in ihm auf. Er versuchte, sich vom Baum zu lösen. Er wackelte, so gut es ging. Er zappelte, er ruckelte und sprang. Doch sein kleiner Stiel wollte sich nicht vom Baum lösen. Es war aussichtslos. Dann bemerkte der kleine Apfel die Leute am Boden. Sie waren stehengeblieben und sahen die Frau an. Gut so, dachte er. Sie würden ihr sicher helfen. Aber es geschah nichts. Die Leute schienen genauso versteinert zu sein wie die Frau. Die ältere Dame, die jeden Morgen mit einem großen Hut auf dem Kopf vorbeiflanierte, stand mit halb geöffnetem Mund ebenso erstarrt da wie der kleine Junge mit dem Kescher. Auch seine Eltern schienen von dem Zauber betroffen zu sein. Was geschah hier?

Plötzlich löste sich der kleine Junge mit dem Kescher aus der Starre und stupste seine Mutter an. Sie kramte eifrig in ihrer Handtasche und holte eine Münze hervor, die mit der Sonne um die Wette strahlte. Der Junge ging zur silbernen Frau und legte sachte das Geldstück in den Topf, der vor der Figur auf dem Boden stand. Noch ehe sich der Junge wieder aufgerichtet hatte, begann die Frau sich zu drehen. Sanft waren ihre Bewegungen. Zart streichelte sie einen der silbernen Äpfel. Dann begann sie zur Musik einen langsamen Tanz mit dem Apfel, den sie zuvor liebevoll mit ihrer Schürze geputzt hatte. Eine Träne lief Siggi herunter. Der Siggi kullert eine Träne herab 2kleine Apfel wusste nicht, woher die Träne kam, aber sie lief an seinem roten Apfelbäckchen entlang und fiel dann zu Boden. Noch nie hatte der kleine Apfel so etwas Schönes gesehen. Doch so unerwartet, wie dieser Tanz begonnen hatte, so unerwartet endete er auch wieder. Siggi konnte es kaum glauben, aber die Frau erstarrte wieder.

Minuten vergingen, bis die Dame mit dem großen Hut es dem Jungen gleichtat und mit einer Münze einen neuen Tanz der Silberfrau eröffnete. Der Apfel schaute gebannt auf die Figur. Nicht einen Augenblick wollte er von diesem Schauspiel verpassen. Immer wieder erstarrte sie, aber jedes Mal fand sich ein Zuschauer, der die Spieluhr mit einer wohlklingenden Münze erneut startete.

Als der Nachmittag anbrach, verließen die vielen Menschen nach und nach den Strand und schlenderten auf ihrem Heimweg an der silbernen Frau vorbei. Die meisten Leute blieben stehen und ließen sich von dem Schauspiel, das sich ihnen bot, ebenso verzaubern wie Siggi. Der Apfel betrachtete nun ab und an auch den Kreis der Zuschauer, wenn der Tanz der Spieluhr wieder begann. Er sah in verzückte, überraschte und neugierige Gesichter. Aber die Gesichter, die Siggi am meisten berührten, waren die der Kinder, die wie der Apfel selbst die ganze Schönheit des Augenblicks mit ihrem Herzen aufnahmen und in diese magische Welt eintauchten.

Gegen Abend wurde es leerer um sie herum. Nur vereinzelt flanierten Paare an ihnen vorbei, die verliebte Blicke austauschten und die Figur nicht beachteten. Da bewegte sich die Silberfrau schließlich von alleine. Sie sprang von ihrem Podest, zog ihre Kleider aus und säuberte ihr Gesicht. Der Mensch kam wieder zum Vorschein. Sie streckte ihren Rücken und ihre Beine, sah sich um und lächelte genauso, wie sie den ganzen Tag über ihr Publikum angelächelt hatte. Doch nun lächelte sie nur für Siggi alleine. Seine Kollegen am Baum schliefen schon, als die Frau ihre Requisiten wieder in der Kiste verstaut hatte und im Sonnenuntergang verschwand. Siggi sah ihr noch lange nach, bis auch ihm die Augen zufielen. Er fiel sofort in einen tiefen Schlaf, in dem er davon träumte, ein silberner Apfel zu sein, mit der Frau um die Welt zu reisen und Kinderaugen zum Leuchten zu bringen.


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